Land und Leute – Die Kirche in unserem Dorf

Foto © Wüstenrot Stiftung

Der Wettbewerb

Alltag und Leben in kleinen Gemeinden verändern sich. Diese Entwicklung macht auch vor den Dorfkirchen nicht halt, die in vielen kleinen Gemeinden das Ortsbild prägen. Sie sind wichtige Symbole für ein gemeinsames Erbe, zugleich aber auch Gebäude und Orte, an denen der gesellschaftliche Wandel und seine Auswirkungen deutlich erkennbar werden.
Die Wüstenrot Stiftung suchte mit ihrem nunmehr vierten bundesweiten Wettbewerb „Land und Leute“ nach Beispielen dafür, wie Kirchen, Klöster und andere kirchliche Gebäude weiterhin als zentrale Orte und Begegnungsräume in kleinen Gemeinden bestehen können. Neue Konzepte für eine veränderte oder ergänzte Nutzung können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, aus diesem Gebäude-bestand neue Chancen für die Entwicklung des Arbeitens, Lebens und Wohnens in kleinen Gemeinden zu gewinnen. Insgesamt 202 Wettbewerbseinsendungen ergeben einen aktuellen und umfassenden Überblick zur Bandbreite der Ideen und Möglichkeiten.

Eingereicht werden konnten alle Arten der Veränderungen an Kirchengebäuden von der Modernisierung, Erweiterung, Verkleinerung bis zur Umnutzung. Besonderes Interesse gilt dabei allen Formen einer damit verbundenen Überführung der in kleinen Gemeinden traditionell vorhandenen Gemeinschaft in neue Formen von gemeinsamer Identität und sozialer Nachbarschaft. Dazu kann der Erhalt von Infrastruktur und Nahversorgung gehören oder lokale Kooperationen zur Stärkung der örtlichen Attraktivität oder neue Dienstleistungsangebote rund um die Sicherung der Lebensqualität in kleinen Gemeinden, beispielsweise rund um Bildung, Kunst und Kultur.

Die anschließende Dokumentation und Verbreitung der Ergebnisse soll andere Kommunen und deren Bewohner/-innen anregen und ermuntern, vergleichbare eigene Wege zu gehen.

Die Preisverleihung

Mit diesem Wettbewerb möchte die Wüstenrot Stiftung das breite Spektrum an Beispielen und Konzepten für die Zukunft von Dorfkirchen öffentlich machen: Zugleich will sie auf die vielfältigen Chancen hinweisen, die daraus für kleine Gemeinden entstehen können. Die öffentliche Preisverleihung fand am 21. September 2019 im Rahmen des 29. Evan­gelischen Kirchbautages in Erfurt statt. Zu diesem Anlass wurden die prämierten Wettbewerbsbeiträge sowie die Einsendungen in der „Engeren Wahl“ der Jury in einer Wan­derausstellung mit Begleitbroschüre vorgestellt.

Zur Veranstaltung

Die Preise (je 7500 Euro)

Aus Sicht der unabhängigen Jury des Wettbewerbs bewältigen zwei Beispiele die Heraus­forderung, Kirchen auch in Zukunft eine zentrale Rolle im Alltag und im Ortsbild des Dorfes zu geben, in besonders bemerkenswerter Art und Weise. Die Jury hat deshalb nach mehre­ren Sitzungen, zwischen denen auch Einsendungen vor Ort besucht wurden, diese beiden Kirchen mit zwei gleichwertigen, jeweils mit 7.500 Euro dotierten Preisen prämiert.

Katholische Kirche in Kehrum

Einer dieser beiden Preise würdigt die Integration der Räumlichkeiten des Pfarrheims in die katholische Kirche in Kehrum (500 Einwohner, Kalkar, Landkreis Kleve). Die 1968 geweih­te, moderne Kirche konnte in ihrem unverwechselbaren Erscheinungsbild bewahrt werden und hat zugleich ein erweitertes Nutzungsprofil erhalten. Die Funktionen des im Unterhalt zu teuer gewordenen separaten Pfarrheims wurden durch neu geschaffene, barrierefrei zugäng­liche Räume vorbildhaft in die Kirche integriert, ohne deren liturgische Anordnung oder das auratische Raumerlebnis zu ändern. Entstanden ist ein mit neuem Leben gefüllter Treffpunkt für die kirchliche, aber auch die politische Gemeinde, der in seiner multifunktionalen Qualität sowohl spiritueller wie sozialer Mittelpunkt des Dorfes sein kann.

Evangelische Kirche in Rosenhagen

Der andere Preis geht an die evangelische Kirche in Rosenhagen (40 Einwohner, Perle­berg, Landkreis Prignitz). Im Jahr 1970 musste der baufällig gewordene Turm der Kirche, deren Anfänge ins 12. Jahrhundert zurückreichen, wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. Alle Versuche, ihn wieder errichten zu können, schlugen zunächst über Jahrzehnte fehl, bis im Jahr 2018 mit einem Dorffest der wieder errichtete Turm eingeweiht werden konnte. Er bietet mit einem modernen Multifunktionsraum und sanitären Einrichtungen ein neues, den bestehen­den Kirchenraum ergänzendes Nutzungsspektrum als lebendiges Dorfzentrum. Vorgesehen sind musikalische Veranstaltungen (Jugendgruppe, Musikschule etc.), Angebote der Kir­chengemeinde und der Ortsgemeinde sowie die Nutzung als Winterkirchenraum.

Auszeichnungen (je 5000 Euro)

Die zweite Preiskategorie bilden zwei Auszeichnungen mit je 5.000 Euro.

Evangelische Kirche in Sora

Eine Auszeichnung erhält die evangelische Kirche in Sora (ca. 360 Einwohner, Klipp­hausen, Landkreis Meißen). Die 1168 erstmals urkundlich erwähnte und im 18. Jahrhundert um einen massiven Turm erweiterte Kirche wird schrittweise restauriert und mit ergänzenden Funktionen versehen. Ziel ist, in der Kirche einen multifunktional nutzbaren Raum zu schaf­fen, der ebenerdig und barrierearm zugänglich ist. Er soll auch für weltliche Veranstaltungen wie Konzerte, Versammlungen und Ausstellungen genutzt werden. Der Umbau erfolgt unter aktiver und breiter Beteiligung der Bevölkerung; finanzielle Unterstützung gibt es sowohl von der politischen Gemeinde als auch von der Landeskirche, die das Vorhaben als Modellprojekt anerkennt.

Evangelische Jugendkapelle in Nordrach

Die andere Auszeichnung erhält die evangelische Jugendkapelle in Nordrach (ca. 1.900 Einwohner, Ortenaukreis). Im anerkannten, überwiegend katholischen Luftkurort gab es bis in die 1970er Jahre hinein mehrere Tuberkulose-Kliniken. Mit dem Rückgang des Kurbetrie­bes und der schrittweisen Einstellung der Kurseelsorge verlor die dafür 1974 gebaute Kapel­le ihre Funktion. Sie wurde zunächst durch eine Künstlerin genutzt und sollte eigentlich ver­kauft werden, bis die Bezirksjugend der Kirchengemeinde vorschlug, die Kapelle zu über­nehmen. Der runde Altartisch wurde 2009 von den Jugendlichen selbst gefertigt; von den Jugendlichen ebenfalls selbst gestaltete Kunstwerke symbolisieren die Themen, die bei den Aufenthalten mit Übernachtung behandelt werden.

Anerkennungen (je 1500)

Aufgrund der Vielzahl an bemerkenswerten Initiativen hat die Wüstenrot Stiftung die ur­sprünglich ausgelobte Gesamtpreissumme um 2.000 Euro erhöht. Die Jury konnte deshalb in der 3. Preiskategorie insgesamt acht Anerkennungen zu je 1.500 Euro vergeben.

Eine Anerkennung erhalten:

  • Die Pilgerunterkunft in der evangelischen Kirche in Barsikow (ca. 185 Einwohner, Wusterhausen/Dosse, Landkreis Ostprignitz-Ruppin). Die Sanierung der Kirche wurde von einem Förderverein betrieben, der anschließend im „Dorfverein Barsikow“ aufging. Dieser betreut heute die Pilgerunterkunft und die Angebote im Dorftreff „Alter Konsum“
  • Die Kulturkappelle in Bruchhausen (ca. 3.200 Einwohner, Arnsberg, Hochsauerland­kreis). Die ehemals bedeutsame Wallfahrtskirche aus dem 15. Jahrhundert wurde nach dem Neubau einer Kirche vor Ort nur noch sporadisch genutzt. Ab 2009 wird sie von einem Förderverein saniert und einer erweiterten Nutzung zugeführt
  • Der Dorfladen in der Kirche in Eichenberg (ca. 800 Einwohner, Sailauf, Landkreis Aschaffenburg). Die leerstehende und zwischenzeitlich als Lager genutzte Kirche wurde 2009 von der politischen Gemeinde zurückgekauft und ist heute zentraler Ankerpunkt bei der Revitalisierung des Dorfzentrums
  • Die Kunstkirche Eickelberg (ca. 40 Einwohner, Warnow, Landkreis Rostock). Ziel ist es, die Kirche zu erhalten und zu einem kulturellen Treffpunkt zu entwickeln. Seit 2009 fin­den die mehrtägigen „Eickelberger Kunstkirchen“ statt und 2018 konnte die Kirche zu großen Teilen saniert und um Funktionsräume erweitert werden
  • Die Sanierung und multifunktionale Nutzung des Ensembles aus Pfarrhaus und Kirche in Lindenberg (ca. 230 Einwohner, Groß Pankow, Landkreis Prignitz). Der Kirchbau­verein Lindenberg hat seit 2009 zunächst das Pfarrheim renoviert und zu einem multi­funktionalen Dorfzentrum ausgebaut und treibt nun die Sanierung der Kirche voran
  • Die katholische Nationalparkkirche Muhl (ca. 80 Einwohner, Neuhütten, Landkreis Trier-Saarburg). Für die Idee einer vielfältig vernetzten Nationalparkkirche wurde 2015 der Verein „Dorf und Kirche im Nationalpark“ gegründet. Die Umsetzung wird kooperativ von Kirchengemeinde, Bistum, Ortsgemeinde und Nationalpark betrieben
  • Der Dorftreff und die katholische Kirche in Sirzenich (ca. 1.500 Einwohner, Trier­weiler, Landkreis Trier-Saarburg). Der von einem Verein betriebene Dorftreff und die Kirche nutzen Erschließung und Sanitärräume gemeinsam und bilden einen neuen Dorf­mittelpunkt mit vielfältigen Angeboten für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen
  • Die private Sanierung und multifunktionale Nutzung des ehemaligen Pfarrhauses in Wachau (ca. 4.300 Einwohner, Landkreis Bautzen). Das von der Kirchengemeinde zum Verkauf angebotene Pfarrhaus steht heute als offenes Haus mit Räumen für die Winter­kirche und für Ausstellungen und Versammlungen zur Verfügung.

Engere Wahl

Als bemerkenswerte Beispiele im Sinne der Wettbewerbsauslobung hat die Jury außerdem folgende Angebote in ihre „Engere Wahl“ aufgenommen:

  • Die evangelische Kirche in Großneuhausen (ca. 650 Einwohner, Landkreis Sömmer­da) mit dem Konzept einer „Rokoko-Kulturkirche“
  • Die katholische Kirche in Lagerlechfeld (ca. 2.850 Einwohner, Landkreis Augsburg) mit dem Entwurf für Umbau und Integration eines Diözesanmuseums
  • „Drei evangelische Kirchen auf vier Kilometern“ in Nöbdenitz (ca. 900 Einwohner, Schmölln, Landkreis Altenburger Land) mit einem Pfarrhof als multifunktionalen Zentrum
  • Den Wiederaufbau der evangelischen Kirche in Nottleben (ca. 400 Einwohner, VG Nesseaue, Landkreis Gotha)
  • Die evangelische Kirche in Roldisleben (ca. 145 Einwohner, Rastenberg, Landkreis Sömmerda) mit dem Konzept der „Bienenkirche“ und eines Landschaftsgartens
  • Die evangelische Kirche in Üfingen (ca. 800 Einwohner, Salzgitter) mit dem Angebot „Kino in der Kirche“
  • Das Kutur- und Bürgerzentrum in Volkertshausen (ca. 3.000 Einwohner, Landkreis Konstanz) in einer ehemaligen, bereits länger profanierten Kirche
  • Die ökumenische Autobahnkirche in Waidhaus (ca. 2.200 Einwohner, Landkreis Neu­stadt an der Waldnaab).

Die Jury

  • Elke Bergt, Landeskirchenamt, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, Erfurt (Vorsitzende)
  • Jörg Beste, synergon, Köln
  • Dr. Stefan Krämer, Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg
  • Barbara Martin, Erzdiözese Freiburg, Erzbischöfliches Bauamt Konstanz
  • Betty Mehrer, Kreis- und Gemeinderätin, Mitglied der Landessynode der ELKB, Weyarn
  • Dr. Juliane Stückrad, Büro für Kulturforschung, Eisenach

Im Rahmen des Wettbewerbs wurden folgende Kriterien zugrunde gelegt:

  • Die neue Nutzung der Kirchengebäude ermöglicht es, deren Potenzial als weit über ihre religiöse Verankerung hinaus wirkende, gebaute Zeichen gemeinsamer Identität zu erhal­ten, auch wenn sich die Funktion und die Rolle der Institution Kirche aktuell mit hoher Dy­namik verändern
  • Die Angebote tragen dazu bei, dass ein Brückenschlag zwischen Tradition und Zukunft entstehen kann und der soziale Zusammenhalt in kleinen Gemeinden gestärkt wird
  • Die Angebote verbessern die Attraktivität und die Qualität des Alltags und des Lebens in kleinen Gemeinden
  • Die Angebote und Beispiele helfen dabei, lokal verfügbare Infrastruktur zu erhalten, aus­zubauen oder neu zu schaffen, idealerweise in Verbindung mit neuen Perspektiven für eine Stärkung des Ortszentrums und für eine Ertüchtigung oder Revitalisierung vorhande­ner Bausubstanz
  • Die Angebote, Konzepte und Beispiele auf einem gemeinsamen Engagement von Kir­chengemeinde, Bürgerinnen und Bürgern, Gemeindeverwaltung und/oder örtlichen Unter­nehmen und/oder regionalen Partnern und Bündnissen.