Literatur bewahren! Greve & Thoor

Mit Ludwig Greve und Jesse Thoor konnten in der gemeinsamen Editionsreihe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung zwei fast vergessene Dichter dem heutigen Lesepublikum wieder zugänglich gemacht werden.

Literarische Werke, die aus dem kulturellen Gedächtnis zu fallen drohen, werden in dieser seit 2008 bestehenden Reihe neu ediert und von zeitgenössischen Schriftstellern vorgestellt.

Für den Dichter Ludwig Greve übernahm Ingo Schulze, vielfach ausgezeichneter Romanautor, die Patenschaft und wirbt in seinem einführenden Essay zu der dreibändigen, von Friedrich Pfäfflin und Eva Dambacher herausgegebenen Ausgabe „Ludwig Greve: Autobiographische Schriften und Briefe“ begeisternd für die erstmals veröffentlichten Prosatexte Greves. Ludwig Greve, 1924 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren, emigrierte 1939 mit seiner Familie nach Frankreich und Italien. 1944 wurden Vater und Schwester in Italien verhaftet und nach Auschwitz deportiert; seine Mutter und er konnten sich retten und wanderten 1945 nach Palästina aus. Greve kehrte nach Deutschland zurück und wurde 1957 Mitarbeiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Im Sommer 1991 verunglückte er tödlich vor Amrum. Der Dichter wurde 1988 mit dem Stuttgarter Literaturpreis ausgezeichnet, 1992 posthum mit dem Peter Huchel-Preis. Die Edition versammelt die verstreut erschienenen Teile dieser Geschichte: Sie dokumentiert die in den frühen Fünfzigerjahren aufgezeichneten Fluchtberichte und zeigt die Gründe für Greves Rückkehr nach Deutschland und sein »Festhalten an der Sprache als der eigentlichen Identität« in über 400 Briefen aus den Jahren 1944 bis 1991. Greve korrespondierte u. a. mit Hannah Arendt, Werner Kraft und Helmut Heißenbüttel: Sie alle ermutigten ihn, seine Lebensgeschichte zu erzählen, »zum ersten Mal«! Die Ausgabe wurde auf einer Lesereise der Öffentlichkeit vorgestellt. Unter anderen übernahmen Hanns Zischler und Ulrich Noethen die Lesung der Texte Greves.

Jesse Thoor, der 1905 als Peter Karl Höfler in Berlin geboren wurde und 1952 in Lienz/ Osttirol gestorben ist, hat ein schmales Werk hinterlassen. 1948 erschien sein einziges Buch zu Lebzeiten: „Sonette“. Thoor, der zunächst als Überlebenskünstler ein unstetes Vagantenleben führte, durch die Erfahrung existentieller Not und sozialer Ungerechtigkeit Mitglied der KPD wurde, emigrierte 1938 nach London, wo er den Zweiten Weltkrieg überlebte. »Als Dichter war Jesse Thoor janusköpfig: Ein feinfühlig melancholischer Ästhet und zugleich ein mahnender Donnerer«, so charakterisiert ihn der Schriftsteller Michael Lentz, der für diese Ausgabe als Herausgeber und Pate fungiert. In seinem einleitenden Essay stellt er uns Thoor als einen der bedeutendsten Sonettdichter der deutschsprachigen Literaturgeschichte vor: »Formstrenge und Sparsamkeit der sprachlichen Mittel machen seine Gedichte einprägsam und unvergesslich«. Die Werkausgabe basiert auf der von Michael Hamburger 1965 edierten Ausgabe, die um eine Reihe von Gedichten, Briefen und um ein Prosastück erweitert wurde.

Die Editionsreihe wird fortgesetzt; in Vorbereitung sind die Lebenserinnerungen von Carl Schurz mit dem Paten Uwe Timm, die im Herbst 2015 erscheinen werden.

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