Literatur Bewahren! Knigge, Loerke & Varnhagen

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Lesung im Literaturhaus Frankfurt (Foto: Heinrich Völkel © Wüstenrot Stiftung)

Mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung hatte die Wüstenrot Stiftung 2008 eine Editionsreihe aufgelegt, die vom Vergessen bedrohte literarische Werke einer breiten Leserschaft bekannt und zugänglich machen möchte. Die Editionen werden von einem/r zeitgenössischen Schriftsteller/in als „Pate/in“ begleitet. Sie erläutern in einem einführenden Essay die Bedeutung der Werke und stellen diese auch im Rahmen einer Lesereise gemeinsam mit namhaften Schauspielern/innen der Öffentlichkeit vor. In den Jahren 2010 und 2011 konnten drei Ausgaben in dieser Reihe erscheinen.

Den Anfang machten die Werke von Adolph Freiherr Knigge (1752-1796) mit der vielfach ausgezeichneten Autorin Sibylle Lewitscharoff als Patin. Knigge diente mehrere Jahre an deutschen Fürstenhöfen, bevor er versuchte vom Schreiben zu leben. Er war nicht nur ein Menschenkenner und Freund aufgeklärter Geselligkeitskultur – Heinrich Heine nannte ihn einen „tiefen Kenner der Menschen und Bestien“ -, sondern galt auch als politischer Feuerkopf. Er war ein streitbarer Gegner des Feudalabsolutismus und Anhänger der Französischen Revolution. Bekannt ist Knigge heute vor allem als Autor des Werkes „Über den Umgang mit Menschen“, das immer wieder als Benimm-Fibel missverstanden wird. Sein berühmtes Hauptwerk, drei Romane und weitere wichtige Texte Knigges wurden mit der neuen Edition sorgfältig kommentiert vorgelegt. Die Auswahl bietet einen Querschnitt durch das umfangreiche Œuvre Knigges, der es den heutigen Lesern ermöglicht, sein facettenreiches Werk zu entdecken.

Es folgten die Gedichte Oskar Loerkes (1884-1941). Loerke gilt als einer der bedeutendsten und einflussreichsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Seine Gedichte werden unter den Stichworten Expressionismus, Naturdichtung oder Innere Emigration kategorisiert. Doch wird diese Reduktion der thematischen Vielfalt und dem Formenreichtum seiner Dichtung nicht gerecht, die weite geschichtliche, mythologische und geographische Räume umgreift. Loerkes Hauptwerk, seine Lyrik, ist seit Jahrzehnten vom Markt verschwunden. Mit der Ausgabe der Deutschen Akademie und der Wüstenrot Stiftung wurde sein Werk wieder zugänglich. Sie enthält seine zu Lebzeiten veröffentlichten sieben Gedichtbücher, von „Wanderschaft“ (1911) bis „Wald der Welt“ (1936); ebenso das seiner Verzweiflung über die NS-Zeit abgetrotzte Spätwerk (1937-1941), das bisher noch kaum eine Öffentlichkeit gefunden hat. Hinzu kommen Essays, die sich unmittelbar auf seine Dichtung beziehen. Der Ingeborg-Bachmann-Preisträger Lutz Seiler, 1963 in Gera geboren, stellt Oskar Loerke in einem einleitenden Essay vor und lässt das Werk aus der eigenen Lektüreerfahrung heraus lebendig werden.

„Rahel. Ein Buch des Andenkens“: Editorin Barbara Hahn, Schauspielerin Corinna Harfouch und die Patin der Ausgabe Brigitte Kronauer auf der Buchvorstellung im Frankfurter Literaturhaus (Foto: Heinrich Völkel © Wüstenrot Stiftung)

2011 ist in dieser Reihe „Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde“, die postume Sammlung der Briefe und Notizbuchaufzeichnungen Rahel Levin Varnhagens (1771-1833) erschienen. In Varnhagens Berliner Salon trafen sich zwischen 1790 und 1806 Menschen verschiedenster Schichten und Weltanschauungen, darunter zahlreiche Schriftsteller. Rahel selbst hat kein literarisches Werk in einem der gängigen Genres hinterlassen, allerdings korrespondierte sie exzessiv mit 130 Briefpartnern, darunter den Großen ihrer Zeit. Ihre Briefe fesseln noch heute durch ihre Unmittelbarkeit und Spontaneität. Gemeinsam mit den Notizbuchaufzeichnungen können sie als das „opus magnum“ dieser „Schriftstellerin ohne Werk“ gelten. Schon bald nach Rahels Tod fand das von ihrem Mann, Karl August Varnhagen von Ense, herausgegebene „Buch des Andenkens“ großes Interesse. In der Folge bereitete er eine erheblich erweiterte Fassung vor, die aber nie veröffentlicht wurde. Barbara Hahn hat diese Ausgabe mit knapp 1.600 Briefen nach dem Manuskript der Sammlung Varnhagen rekonstruiert. In einem einleitenden Essay stellt Brigitte Kronauer Leben und Wirken einer der faszinierendsten Frauen des 19. Jahrhunderts vor.

Die drei Ausgaben wurden auf erfreulich gut besuchten Lesereisen vorgestellt, wobei prominente Schauspieler/innen wie Dieter Mann (Knigge), Frank Arnold (Loerke) und Corinna Harfouch (Varnhagen) die Lesung der Texte übernommen haben.

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