A Medium in Transition. Producing and Collecting Photography

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Rahaab Allana von der Alkazi Collection, New Delhi über die Entdeckung historischer Archive in der gegenwärtigen Fotoszene Indiens (Foto © Museum Folkwang)

Die Wüstenrot Stiftung veranstaltete im Frühjahr 2012 gemeinsam mit dem Museum Folkwang Essen das Symposium „A Medium in Transition. Producing and Collecting Photography“, bei dem erstmals in transnationaler Perspektive über die Zukunft der Fotografie diskutiert wurde. Die technologische Umwälzung der Fotografie stellt nicht nur die Definition des Fotografischen in Frage, sondern verändert auch die fotografische Praxis sowie den Umgang mit dem Medium. Die vollständige Digitalisierung des Mediums, seiner Produktion und Verbreitung erschüttert das tradierte Verständnis von Fotografie. Diese Entwicklung betrifft auch Kuratoren von Sammlungen, in denen nicht nur künstlerisch intendierte Bilder Beachtung finden. Welche Bilder aus dem Bereich der angewandten Fotografie bleiben aus dem digitalen Produktionsprozess übrig? Was ist das zu sammelnde fotografische Original: die ursprüngliche Datei, die Summe ihrer Veröffentlichungen, der gerahmte Ausdruck? Ist unsere kulturelle Infrastruktur auf diese Veränderung vorbereitet oder wird die angewandte fotografische Praxis, die rückblickend immer auch die Kunstproduktion inspiriert hat, künftig nicht mehr das kollektive Bildgedächtnis prägen? Diese Fragen diskutierten die Kuratoren/innen Rahaab Allana (Alkazi Collection, New Delhi), Charlotte Cotton (London) sowie der Sammler Artur Walther (The Walter Collection, Neu-Ulm/New York) mit der Spezialistin für Urheberrechtsfragen Dr. Katharina Garbers-von Boehm (CMS Hasche Sigle, Berlin). Aus Kairo berichtete Heba Farid per Video von der schwierigen Aufgabe historische Archive aufzubauen und zu pflegen. Und die Künstler/innen Maryam Jafri (New York/Copenhagen), Aglaia Konrad (Brüssel), Adrian Sauer (Leipzig), Guy Tillim (Johannesburg) und Clare Strand (Brighton) stellten ihre künstlerische Arbeit vor diesem Hintergrund vor.

Schon Auswahl und Gebrauch der Bilder, welche die Vorträge dieses Symposiums begleiteten, gaben eine gute Idee von einem „Medium in Übergang“. Die digitale Bildkultur hat auch das visuelle Argumentieren erreicht. In gleich mehreren Vorträgen wurde etwa der „Screenshot“ einer Google-Bildersuche, also das zufällige Nebeneinander von Bildern zu einem Suchbegriff, gezeigt. Dabei war die Intention der Vortragenden sehr unterschiedlich: Es sollten Bilder ein und desselben Motivs gezeigt werden oder die Ergebnisse einer ikonografischen Recherche, auf die quantitative Präsenz von Bildern wurde hingewiesen oder die Frage nach ihrer Vereinnahmung in neuen Kontexten wurde diskutiert. Der Blick auf die sekundenschnelle Bildrecherche war in jedem Falle aufschlussreich. Das Internet, so scheint es, ist unser modernes „imaginäres Museum“ geworden, das uns in unbegrenzter Verfügbarkeit Bilder liefert und in ihrer technischen Reproduzierbarkeit einen schier unendlichen Raum zur Rezeption und Konsumierung eröffnet. Aber diese neue Welt der Bilder wurde in manchen Vorträgen in kritischer Reflexion der alten Welt der Bilder gegenüber gestellt.

Neben der Bildkultur des Internets ist inzwischen auch das digitale Aufnahmeverfahren alltägliche Praxis geworden. Die früheren Diskussionen um die Authentizität digitaler Bilder haben durch die neuen Gebrauchsweisen, etwa den an Einfluss gewinnenden Handy-Journalismus der Straße, an Brisanz verloren. Dennoch bleibt festzustellen, dass die technologische Entwicklung fotografischer Produktion nicht nur die Definition des Fotografischen in Frage stellt, sondern auch tiefgreifend den Beruf des Fotografen und Fotojournalisten und die Verwendungsweisen des Mediums verändert hat. Die vollständige Digitalisierung des Mediums, seiner Bildproduktion und auch Distribution, hat das grundsätzlich authentische Verständnis von Fotografie erschüttert. Sie transformiert tradierte Arbeitsweisen der dokumentarischen und bildjournalistischen Praxis und forciert offensichtlich deren Übergang in den künstlerischen Kontext.

Wenn die Digitalisierung zu einer stärkeren Verschmelzung der diskursiven Räume der Fotografie führt – und z. B. Handybilder von Passanten zu journalistischen Ikonen werden oder sich angeeignete Fotos von Amateuren zu Bausteinen künstlerischer Narration transformieren – stellt dies nicht zuletzt auch die Frage, ob wir unser Verständnis vom fotografischen Original grundlegend ändern müssen. Im Blick zurück erscheint die analoge Welt der Fotografie, bestehend aus Negativ, Kontakt, Probeabzug, Ausstellungsprint, Veröffentlichungen und Publikationen als eine klar geordnete Welt – auch wenn diese fotografischen Objekte immer wieder neu eingeschätzt wurden und werden.

„How to record this new moment in the history of images?“, fragte Charlotte Cotton etwas provokativ und verwies darauf, dass es zwar heute ein Leichtes sei, das klassische und abgesicherte Genre zeitgenössischer Fotokunst zu sammeln, aber was wird aus den neuen Bildern, die unsere Wahrnehmung von Welt prägen? Darauf werden wahrscheinlich erst die zukünftigen Ausstellungen und Sammelpraktiken Antworten finden. Eine Erfahrung dieser Tagung ist es sicherlich, dass nun nicht mehr der Bruch im Vordergrund steht, auch wenn er unübersichtlich ist, sondern vielmehr der Dialog von altem analogem Erbe und neuer digitaler Bildpraxis, wobei das neue Bild den alten analogen Schätze nicht selten zu neuer Sichtbarkeit verhilft.

Die Publikation zum Projekt finden Sie hier.