Refugees Kitchen Oberhausen © Kultur im Turm eV

Zum Wettbewerb „Gebaute Orte für Demokratie und Teilhabe“ der Wüstenrot Stiftung wurden 455 Projekte aus ganz Deutschland eingereicht. Eine unabhängige Jury unter dem Vorsitz von Verfassungsrichter a.D. Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio verteilte die Preissumme von 105.000 Euro auf sechs herausragende Beispiele, die demokratische Werte stärken und die Teilhabe unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen durch gebaute Orte unterstützen. Die Vielzahl und die Vielfalt der eingereichten Orte zeigen sehr eindrucksvoll, wie viel bemerkenswertes Engagement und welche gelebte Solidarität in unserer Gesellschaft verbreitet ist.

Der Wettbewerb

Demokratie braucht mehr als Worte – Teilhabe erfordert Gelegenheit und Zugang.

Wir leben in Deutschland in einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Demokratische Werte wie Freiheit, Selbstbestimmung, Solidarität und Toleranz sind selbstverständliche Grundlagen des Zusammenlebens, ebenso wie die Vorstellung, dass allen Menschen eine faire Teilhabe an Bildung, Gesundheit, Lebensqualität und Zukunftschancen möglich ist.

Bereits vor der Corona-Pandemie und der aktuellen Debatte wurden gesellschaftspolitische und wirtschaftsstrukturelle Herausforderungen erkennbar, die diese Offenheit und Selbstverständlichkeit gefährden können. Ein Blick über nationale Grenzen hinweg zeigt gerade besonders deutlich, wie Menschen mit Lügen, Verschwörungstheorien und polarisierenden Stimmungsbildern manipuliert werden können. Selbst etablierte Demokratien mit funktionierender Gewaltenteilung werden in ihren Grundfesten erschüttert und als Gesellschaft tief gespalten. Und es sind nicht nur die Ereignisse in Hanau, Halle oder Kassel, die deutlich machen, dass auch in Deutschland die Demokratie und Solidarität angreifbarer und verletzlicher sind als wir akzeptieren dürfen, wenn wir sie nicht gefährden wollen.

Scheinbare Selbstverständlichkeit bietet keinen ausreichenden Schutz gegen solche Angriffe. Wir brauchen mehr bewusste Aufmerksamkeit und aktive Wertschätzung für lebendige und erfahrbare Werte und Teilhabe in einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Sie zu sichern ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die auf vielen, unterschiedlichen Ebenen erfolgen muss und die nicht von den politischen Institutionen alleine geleistet werden kann.

Die Wüstenrot Stiftung ist eine aktiv tätige, ausschließlich dem Gemeinwohl verpflichtete Stiftung. Ausgehend von ihrem inhaltlichen Profil richtet sie auch den Blick auf die Funktion und Bedeutung von gebauten Orten für Demokratie und Teilhabe. Gebaute, im Alltag erfahrbare Orte spielen eine wichtige Rolle für die Wahrnehmung von Identität und Zugehörigkeit; sie bringen die demokratische Haltung und Orientierung in einer Gesellschaft zum Ausdruck und schaffen zugleich vielfältige Gelegenheiten für Teilhabe und Zugang.

Mit einem bundesweiten Wettbewerb „Gebaute Orte für Demokratie und Teilhabe“ suchte die Wüstenrot Stiftung nach Beispielen dafür, wie durch solche Orte demokratische Werte konkret erfahrbar und die Teilhabemöglichkeiten unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen unterstützt werden können. Im Fokus standen Orte, die Demokratie wahrnehmbar machen und demokratische Praxis schaffen; die bürgerschaftliche Verantwortung unterstützen und die Raum bieten für eine am Gemeinwohl orientierte Verständigung über die weitere gesellschaftliche, soziale und technische Entwicklung. Diese Orte fördern Dialogfähigkeit und Pluralität und vermitteln demokratische Werte an Menschen jeden Alters und Herkunft.

Preise (Je 20.000)

Die Entscheidung unter 455 Projekten und Orten fiel in mehreren Schritten, zu denen auch Besuche vor Ort bei einer Auswahl der Einsendungen gehörten. Sechs Projekte wurden von einer unabhängigen, interdisziplinär zusammengesetzten Jury unter Vorsitz des ehemaligen Verfassungsrichters Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio prämiert. Aus Sicht der Jury sind sie die besonders herausragenden Einsendungen zum Wettbewerb, die zugleich stellvertretend für die große Bandbreite der eingereichten gebauten Orte für Demokratie und Teilhabe stehen.

Die Jury verteilte eine Gesamtpreissumme von 105.000 Euro auf drei gleichrangige Preise von je 20.000 Euro sowie drei gleichrangige Auszeichnungen von je 15.000 Euro.

Der Lern- und Dokumentationsort Bückeberg bei Hameln
(Dokumentations- und Lernort Bückeberg gGmbH)

Auf dem nach Plänen von Albert Speer mit großem Aufwand nur für diesen Zweck gestalteten Gelände fanden 1933 bis 1937 die Reichserntedankfeste statt. Sie dienten vor allem dazu, medial verwertbare Bilder einer Volksgemeinschaft zu erzeugen und die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft zu zelebrieren. Am historischen Ort werden nun Fiktion, Inszenierung und mediale Verbreitung als populistische, manipulierende Stilmittel entlarvt und ihre suggestive Verführungskraft nachvollziehbar. Die punktuellen Interventionen der Dokumentationsstätte erhalten die Sichtbarkeit der damaligen Eingriffe in das Gelände und sensibilisieren dafür, wie mit solchen Inszenierungen die Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft für eine Spaltung der Gesellschaft missbraucht werden konnte.

Foto © Bückeberg gGmbH

Die Blaue Bude in Dinslaken
(Forum Lohberg e. V.)

Als kleines Raumwunder mit wenigen Quadratmetern schafft die Blaue Bude einen Ort der Identifikation für den vom Kohlebergbau und seinem Ende geprägten Ortsteil Lohberg. Sie knüpft an die im Ruhrgebiet verbreitete „Büdchen“-Kultur an und ist ein bemerkenswertes Beispiel für die Transformation althergebrachter Orte des Austauschs und der Kommunikation, die zu (neuen) Schauplätzen demokratischer Aushandlung und sozialen Miteinanders werden. Besonders gewürdigt wird das Engagement zahlreicher lokaler Akteure für den Neubau am historischen Standort und für ein breit gefächertes, unterschiedliche Zielgruppen ansprechendes Programm.

Der Interkulturelle Garten Bunte Erde in Chemnitz
(Interkultureller Garten „Bunte Erde” e. V.)

Ein gemeinsam gestalteter und bewirtschafteter Garten, der allen Besucher:innen offen steht, ist der Ausgangspunkt dafür, über das Gärtnern hinaus Demokratie und demokratische Werte vielfältig erlebbar zu machen. Im Mittelpunkt stehen die selbstverständliche Kommunikation und der alltägliche Austausch zwischen allen Bevölkerungsgruppen in einem gewachsenen Stadtteil, der sich auch durch den Garten in den letzten Jahren verändert hat. Aus den vielen, das Gärtnern erweiternden Angeboten der engagierten Mitglieder des Trägervereins ist ein offener Dialog über die Grundbedürfnisse des Lebens entstanden, der gezielt die Bedeutung der demokratischen Werte in einer Gesellschaft stärkt.

Auszeichnungen (Je 15.000)

Das PLATZprojekt in Hannover
(PLATZprojekt e. V.)

Als Experimentierfeld für raumwirksame Ideen und für eine gemeinsame Stadtgestaltung gibt das über Jahre gewachsene Projekt vor allem jungen Erwachsenen einen physischen Ort, der ihnen die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Verantwortungsübernahme ermöglicht. Die aufgestellten ehemaligen Schiffscontainer und die ergänzend entstandenen Kleinarchitekturen ermöglichen vielfältige Nutzungen und sind zugleich Ausgangspunkt für eine aktive Teilhabe und Mitwirkung an Themen zukünftiger Stadtentwicklung. Die Durchlässigkeit zum benachbarten, ebenfalls selbstgestalteten Skaterpark und die Kooperation mit dem auf dem Gelände angesiedelten PLATZgarten öffnen das PLATZprojekt für zahlreiche, weitere Nutzer:innen.

Die Refugees Kitchen in Oberhausen
(Kultur im Turm e. V.)

Als soziale Skulptur verbindet die mobile Küche ein Empowerment für Geflüchtete mit der allgemeinen Freude am gemeinsamen Essen und Feiern. Sie entstand auf Initiative von Künstler:innen in Zusammenarbeit mit lokalen Betrieben und Geflüchteten unterschiedlicher Herkunft; die mobilen Einsätze verbinden an unterschiedlichen Orten interkulturelle Gerichte mit der Schilderung persönlicher Erfahrungen bei Flucht und Vertreibung. Die Mitwirkung in der mobilen Küche vermittelt geflüchteten Menschen konkrete Wertschätzung, stärkt ihr Selbstbewusstsein und hat wesentlich geholfen, ihnen Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu erschließen.

Foto © Kultur im Turm e.V.

Den Salmen in Offenburg
(Stadt Offenburg)

Das historische Gasthaus macht mit seiner historischen und seiner aktuellen Nutzung demokratische Geschichte und Werte am konkreten Gebäude erfahrbar. Das an die breite Stadtgesellschaft gerichtete Programm beginnt mit dem demokratischen Aufbruch im Jahr 1847, als im Festsaal des Gasthauses erstmals in Deutschland ein demokratischer Grundrechtekatalog verkündet wurde, über die spätere Nutzung als Synagoge bis zu deren Verwüstung 1938 und reicht bis zu den aktuellen kulturellen und bildungspolitischen Angeboten in Kooperation mit unterschiedlichen Partnern. Es gibt wechselnde Ausstellungen, im historischen Festsaal finden öffentliche Sitzungen des Gemeinderates statt und die „Salmen-Gespräche“ behandeln aktuelle Fragen der Demokratieentwicklung.

Engere Wahl

Die Wüstenrot Stiftung will über die prämierten Projekte hinaus die ganze Bandbreite von gebauten und im Alltag erlebbaren Orten für Demokratie und Teilhabe würdigen. Zu den Ergebnissen wird dafür eine Wanderausstellung mit Begleitbroschüre erstellt, die insgesamt 26 Beispiele vorstellt: Die sechs prämierten Orte sowie 20 weitere, herausragende Einsendungen, die als „Engere Wahl“ im Wettbewerb gewürdigt werden.

Diese Orte der Engeren Wahl sind:

  • Bürgerpark FreiFeld, Freiimfelde e.V., Halle
  • COMMUNITYartCENTERmannheim, COMMUNITY art e.V., Mannheim
  • Evangelisches Bildungszentrum Hospitalhof, Evangelische Gesamtkirchengemeinde, Stuttgart
  • Haus der Statistik, ZUsammenKUNFT Berlin eG im Namen der Koop5, Berlin
  • KIQ – KulturIntegrationQuartier, Stadt Siegen
  • Multihalle, Stadt Mannheim
  • Brückenhaus, Tübinger Verein für Sozialtherapie bei Kindern und Jugendlichen e. V., Baugemeinschaft Wolle+, Tübingen
  • LOVO Lebensort Vielfalt am Ostkreuz, Schwulenberatung Berlin gGmbH, Berlin
  • Kulturhaus RomnoKher, Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg e. V., Mannheim
  • Erfahrungspark des SJC Hövelriege e. V., Hövelriege
  • Volkspark Halle, Volkspark Halle e. V., Halle 3
  • Quersteller, Fulda stellt sich quer e. V., Fulda
  • Gedenkstätte Grafeneck, Gedenkstätte Grafeneck e.V., Gomadingen
  • Offenes Haus der Kulturen, Offenes Haus der Kulturen e. V., Frankfurt
  • GRIPS Theater, GRIPS Theater gGmbH, Berlin
  • UNIKATUM Kinder- und Jugendmuseum, UNIKATUM Kindermuseum gGmbH, Leipzig
  • Soziokulturelles Zentrum im Alten Gasometer, Alter Gasometer e. V., Zwickau
  • Bürgerhaus Wilhelmsburg (Büwi), Stiftung Bürgerhaus Wilhelmsburg, Hamburg
  • Haus am Teuringer, Gemeinde Oberteuringen
  • Bellevue di Monaco, gemeinnützige Sozialgenossenschaft Bellevue di Monaco eG, München

Zusätzlich zur Wanderausstellung mit Begleitbroschüre wird eine Buchpublikation erscheinen, die die Funktion und Bedeutung gebauter Orte für Demokratie und Teilhabe grundlegend erörtert und noch weitere Einsendungen aus dem Wettbewerb vorstellt.

Die Vielzahl und die Vielfalt der eingereichten Orte zeigen sehr eindrucksvoll, wie viel bemerkenswertes Engagement und welche gelebte Solidarität in unserer Gesellschaft verbreitet ist. Das ist eine Mut machende und inspirierende Beobachtung, die die Wüstenrot Stiftung mit der Dokumentation der Ergebnisse aus dem Wettbewerb für möglichst viele Menschen nachvollziehbar machen möchte.

Alle Veröffentlichungen werden dafür kostenlos bei der Wüstenrot Stiftung  erhältlich sein.
Die Wanderausstellung kann bei der Stiftung ebenfalls kostenlos angefordert werden.

Projektlaufzeit:Kooperationspartner:
seit 2018