Meisterhaus Kandinsky/Klee in Dessau

Foto: Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung

Foto: Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung

Das Meisterhaus Kandinsky/Klee ist eine Ikone der Architekturgeschichte: Es ist Teil des Ensembles der Meisterhäuser, die Gropius unweit des Bauhaus-Gebäudes in Dessau für die an der Schule lehrenden Meister errichten ließ. Seit 1996 gehört es – gemeinsam mit den anderen Bauhaus-Bauten in Dessau – zum UNESCO Weltkulturerbe. Die Wüstenrot Stiftung trug bereits durch die Instandsetzung des Meisterhauses Muche/Schlemmer (1998 bis 2002) zum Erhalt des Erbes der Bauhaus-Bauten in Dessau bei.

Den Meisterhäusern kommt eine besondere Bedeutung als Wohn- und Arbeitsorte der Künstler-Avantgarde des 20. Jahrhunderts zu, die vor allem in der reichen farbigen Innengestaltung sichtbar wird. Hier sticht das Meisterhaus Kandinsky/Klee hervor, in dem die beiden Meister bis zur Schließung des Bauhauses 1932 selbst gewohnt haben. Die Haushälften sind dreidimensionale, begehbare Kunstwerke zweier der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, die die Malerei in Theorie und Praxis prägten. Sie sind Ausdruck des Gestaltungswillens ihrer Bewohner und spiegeln ihre kulturellen Wurzeln und Lebensmodelle wider. Kein anderes Meisterhaus veranschaulicht noch heute so lebendig die Aneignung der Architektur durch die einzelnen Meister.

Die Meisterhäuser haben eine bewegte Nutzungsgeschichte hinter sich. Im Nationalsozialismus wurden die kubischen klaren Volumina bewusst überformt, in der DDR folgten weitere bauliche Eingriffe durch die unterschiedlichen Bewohner. In den Jahren 1997 bis 1999 durchlief das Meisterhaus Kandinsky/Klee schließlich eine erste Instandsetzung (Bauherr Stadt Dessau) mit dem Ziel, das ursprüngliche Erscheinungsbild des Meisterhauses wieder sichtbar zu machen.

Die Instandsetzung

Nach knapp zwanzig Jahren intensiver Nutzung als Ort für Ausstellungen und Veranstaltungen benötigte das Doppelhaus eine Generalüberholung. Zudem gab es Schäden an der Bausubstanz, die dringend behoben werden mussten. Der Bau wurde im Rahmen einer Machbarkeitsstudie historisch, baugeschichtlich, konstruktions- und materialtechnisch analysiert und in das Denkmalprogramm der Wüstenrot Stiftung aufgenommen. Mögliche Strategien der Erhaltung wurden in einem komplexen Abstimmungsprozess zwischen den Projektbeteiligten diskutiert. Die in Folge beschlossenen Arbeiten an der Bausubstanz und an der aufwendigen Innengestaltung mitsamt den Einbaumöbeln setzten ein hochspezialisiertes Team voraus.
Im Vordergrund aller Maßnahmen standen die Sicherung der vorhandenen Bausubstanz und die behutsame Behebung von Schäden.

Neben der Sanierung der Flachdächer und der Reparatur der äußeren Putzflächen  wurde im Inneren des Gebäudes das originäre Raumgefüge wiederhergestellt, so dass  jede der beiden Doppelhaushälften wieder  eigenständig erfahrbar ist. Klima- und Alarmanlagen, die in den Badezimmern im ersten Obergeschoss eingebaut worden waren, wurden entfernt, so dass funktionale Verbindung der Badezimmer mit den beiden angrenzenden Schlafzimmern und dem Flur wieder nachvollzogen werden können.
Die Machbarkeitsstudie sowie alle Maßnahmen an der Bausubstanz wurden von Brenne Architekten, Berlin, durchgeführt.

Farbspektrum

Eine besondere Herausforderung stellte die farbige Gestaltung der Innenräume dar. Die Untersuchungen offenbarten auf Wänden und Holzeinbauten eine Farbfassung, die in Farbwahl, Textur und Art des Auftrags stellenweise von der existierenden Fassung abwich. Die Befundungen wurden ausgeweitet und der Restaurator Peter Schöne, Halle (Saale), konnte die Originalfassung schließlich nahezu lückenlos dokumentieren. Angesichts dieser hervorragenbden Befundlage entschieden sich die Stiftung Bauhaus Dessau und die Wüstenrot Stiftung dazu, den Schatz zu heben und die Farbwelten der beiden Künstlerpersönlichkeiten wiedererlebbar zu machen. Dafür wurden die Originalfarben nach neuesten Erkenntnissen rekonstruiert, also in ihrer chemischen Zusammensetzung „nachgebaut“. Auf diese Weise erhielten die Anstriche wieder ihre bauzeitliche Textur und Oberflächenerscheinung (körnig, matt, glänzend etc.).

Die Innenräume erlangen dadurch eine neue Qualität: Die Reflexionen des Lichts auf den Oberflächen und das Zusammenspiel der großflächigen Farbfelder überraschen den Besucher bei jeder Veränderung seines Standpunkts mit einem neuen Eindruck.

Pflegeplan

Zum Projektabschluss wurde der Stiftung Bauhaus Dessau ein Pflegeplan mit genauen Handlungsanweisungen für den Umgang mit dem Objekt für Betrieb, Reinigung, mögliche Reparaturen, Gewährleistung, Kontakten von Verantwortlichen aus der Bauphase sowie der Gesamtdokumentation der Maßnahmen übergeben. Dazu gehören auch Farbtonkarten mit Rezeptierung für alle verwendeten Anstriche, sodass die empfindlichen Oberflächen des Meisterhauses im Falle eine Schädigung fachgerecht repariert werden können.

Vermittlung

Die Stiftung Bauhaus Dessau entwickelte für die Vermittlung des Hauses ein neues Konzept: Das Meisterhaus wird als ein dreidimensionales Exponat der Sammlung verstanden. Der Fokus liegt daher auf dem Haus als Artefakt. Ein filmisch-digitales Vermittlungskonzept bringt den Besuchern über Kurzfilme, Audiostelen und Modelle multisensorisch die Architektur, ihre Geschichte und die Lebensmodelle der beiden Bewohner Kandinsky und Klee näher. Da sich das Originalmobiliar nicht erhalten hat, verzichtete man auf eine nachempfundene Möblierung und lässt die reiche Farbigkeit sprechen.

Am 19. April 2019 wurde das Doppelhaus nach dreijähriger Planungs- und Bauzeit feierlich im Jahr des 100. Bauhaus-Jubiläums eröffnet und steht nun wieder den Besuchern aus aller Welt offen.

Die Publikation

Die im November 2020 bei Spector Books erschienene Publikation erzählt detailliert die Geschichte der Instandsetzung, diskutiert die Ursachen des kurzen Instandsetzungsturnus bei Bauten der Moderne und entführt den Leser mit dem Blick der Kamera in die Farbwelt des Meisterhauses.

Projektlaufzeit:Denkmalprojekt:Eigentümer/Nutzer:
2016 – 2019Brenne Architekten, Berlin: Winfried Brenne,
Anna-Sophie Pradel, Manuel Vitt; Atelier Schöne Konservierung
und Restaurierung, Halle: Peter Schöne, Henry Krampitz;
Dresden; IFB Ingenieure, Berlin: Friedemann Stahl (Technische
Gebäudeausrüstung); Ingenieurbüro Dr. Carsten Riedel, Dessau-
Roßlau (Tragwerksplanung); Ingenieurbüro Klaus Meermeier,
Berlin (Gebäudeschäden); Ingenieurbüro NovaBiotec, Berlin
(Schadstoffe): Bert Kühl; Restauratorische Beratung:
Prof. Dr. Thomas Danzl, Dresden
Denkmalbehörden: Landeskonservatorin Dr. Ulrike Wendland,
Monika Lüttich
Stiftung Bauhaus Dessau: Dr. Claudia
Perren, Frank Assmann, Monika Markgraf, Dr. Werner Möller