Kulturgüter in Archiven und Museen
Erschließung, Sicherung, Erforschung, Sichtbarmachung und Vermittlung

Ein neues Programm der Wüstenrot Stiftung lenkt den Fokus verstärkt auf das Feld der Kulturgüter, die sich in Archiven und Museen befinden. Denn dort schlummern wertvolle Einzelwerke, Werkgruppen und ganze Nachlässe von Künstlern und Architekten. Nicht ausreichend erschlossen, gesichert oder erforscht stehen diese weder der Wissenschaft noch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Viele Bestände können nur in Bruchteilen gezeigt und vermittelt werden oder sind aufgrund von Restaurierungsbedarf gar nicht ausstellungsfähig.

Besonderes Augenmerk wurde bei der Programmkonzeption auf einen ganzheitlichen Ansatz gelegt:
Dieser reicht von der Auswahl der Kulturgüter über ihre Erschließung, Sicherung, Erforschung, Sichtbarmachung bis hin zu ihrer Vermittlung.

Die individuell für jedes Bestandskonglomerat zu bestimmenden Maßnahmen umfassen dementsprechend: die Inventarisierung, wissenschaftliche Bearbeitung und Dokumentation, die Digitalisierung und Online-Präsentation sowie die präventive Konservierung und restauratorische Sicherung, wozu z.B. die Optimierung von Lagerbedingungen zählt.

Die bei diesen Prozessen gewonnenen Erkenntnisse können – publiziert oder durch Ausstellungen – sowohl für den Forschungsaustausch als auch die Vermittlungsarbeit genutzt werden, um schlussendlich Wertschätzung und öffentliche Aufmerksamkeit für diese versteckten Schätze zu schaffen.

Werkgruppe / Teilnachlass der Künstlerin Gego (1912-1994) im Kunstmuseum Stuttgart

Kunstwerke © Fundación Gego

Die Künstlerin Gego wurde 1912 als Gertrud Goldschmidt in Hamburg geboren und studierte in den 1930er-Jahren Architektur und Ingenieurwesen an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Als eine der letzten jüdischen Studierenden in Deutschland war es ihr gerade noch möglich, kurz nach den Novemberpogromen ihr Studium unter Paul Bonatz offiziell abzuschließen, bevor sie gezwungen war nach Venezuela zu emigrieren. In den 1950er-Jahren begann Gego dort nach Umwegen bildende Künstlerin zu werden und wenige Jahre später erwarb das MoMA, New York, bereits eine erste Arbeit.

Heute zählt Gego zu den wichtigsten Künstler*innen Lateinamerikas der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus. Ihre Praxis wird allerdings stets als „anders“ und „eigenständig“ gegenüber dem künstlerischen Kontext ihrer Zeit – wie beispielsweise der Geometrischen Abstraktion oder dem in Venezuela vorherrschenden Cínetismo – vorgestellt. In bisherigen Ausstellungsprojekten wurde selten danach gefragt, warum sich Gegos Praxis losgelöst von ihrem künstlerischen Kontext entwickelte. Die Antwort liegt weniger in der Tatsache, dass sie Autodidaktin war, sondern vielmehr in dem sehr spezifischen Umfeld, in dem sie ausgebildet wurde.

An der Technischen Hochschule Stuttgart erfuhr Gego eine Ausbildung an einer Reformschule, die sich nach 1919, wie auch das Bauhaus, aus dem Deutschen Werkbund heraus entwickelte. Als junge Studentin lernte sie bei Professoren und in Architekturbüros, die unter anderem zu den Gründern des deutschen Werkbundes zählten, verkehrte privat mit Künstler*innen der November Gruppe und war für renommierten Architekten, wie beispielsweise Bodo Rasch und Oskar Bloch und Ernst Guggenheimer, tätig. Formal stand die Technische Hochschule der Bauhaus-Bewegung diametral gegenüber, doch im Vergleich der Curricula wird deutlich, dass es fortdauernd pädagogische Parallelen gibt, die auch in Stuttgart bis heute nachwirken.

Derzeit arbeitet das Kunstmuseum Stuttgart gemeinsam mit der Wüstenrot Stiftung und der Universität Stuttgart an einem Forschungs- und Ausstellungsprojekt zu Gego. Ausgangsmaterial ist eine Dauerleihgabe von 100 Werken aus dem Nachlass der Künstlerin, die dem Kunstmuseum Stuttgart von der Fundación Gego (Caracas) nach einer großen Überblicksausstellung in der Hamburger Kunsthalle, dem Kunstmuseum Stuttgart und der Henry Moore Foundation Leeds überlassen wurden. Stuttgart verfügt damit neben dem Museum of Fine Arts, Houston, dem MACBA, Barcelona, und dem MoMA New York als viertes und einziges deutsches Museum über ein großes Konvolut an Arbeiten der Künstlerin. Schwerpunkte dieser Forschung sowie der Ausstellung in Stuttgart sind die Studienzeit Gegos an der Technischen Hochschule Stuttgart, der soziale und politische Kontext in dem Gego zu dieser Zeit in Stuttgart eingebettet war sowie Techniken und Idee, die sie von ihrer Ausbildung als Architektin in ihre spätere künstlerische Praxis übersetzte. Das Projekt ist eine einzigartige Grundlagenforschung und die Publikation soll erstmals Unterlagen und wissenschaftliche Erkenntnisse publizieren, die bisher nicht veröffentlicht wurden. Derzeit bereitet auch das Guggenheim Museum, New York, gemeinsam mit dem MACBA, Barcelona, und der Tate London eine große Retrospektive zu Gego vor. Gemeinsam mit den Kurator*innen dieser Häuser wird parallel zur eigenständigen Ausstellung am Kunstmuseum Stuttgart im Frühjahr 2022 eine internationale Konferenz veranstaltet.
Begleitend zur Ausstellung erscheint eine umfassende Publikation.

Musterkarten-Inventarisierung für die Datenbank der Pausa-Stoffmustersammlung in Mössingen

Die Wüstenrot Stiftung ermöglichte mit den Projekten Bauhaus in Mössingen und Stoffmustersammlung der Textildruckfirma PAUSA in Mössingen die Sicherung, Inventarisierung und Dokumentation der weltweit einzigartigen Bestände der ehemaligen Textildruckfirma PAUSA. Die Stoffmustersammlung ist in einer mehrere zehntausende Datensätze umfassenden Datenbank angelegt. Die Informationen zu den einzelnen Stoffmustern wurden dabei direkt von den Musteretiketten der Stoffe übernommen.
Auf etwa 32.000 „Musterkarten“ (Karteikarten) der PAUSA-Stoffsammlung fanden sich weitere Informationen. Diese Karten wurden bereits gescannt und als PDF in der Datenbank mit den jeweiligen Datensätzen verknüpft. Die Informationen der Musterkarten sind in dieser Form jedoch als Einzelpositionen nicht recherchierbar.

Ziel des Projektes ist es, alle Informationen auf den Musterkarten (Dessin-Name, Entwerfer/in, Ankaufstag, Auftraggeber, Verkäufe etc.) händisch in die Datenbank einzugeben, um sie recherchierbar und online zugänglich zu machen. Die Eingabe dieser Informationen dient der Vervollständigung der PAUSA-Stoffmusterdatenbank.

Nachlass des Architekturtheoretikers und –historikers Jürgen Joedicke (1925 – 2015) in der Universität Stuttgart

Jürgen Joedicke war ab den 1960er Jahren bis zu seinem Tod weltweit einer der renommiertesten Spezialisten und Meinungsbildner in Bezug auf moderne Architektur. Seine Schriften sind auch heute noch Standardwerke der Architekturtheorie und -geschichte. Joedicke leitete u.a. von 1967 bis 1993 das von ihm gegründete Institut für Grundlagen der modernen Architektur in Stuttgart. Sein Nachlass wurde im Sommer 2017 von seinen Erben der Universität Stuttgart übergeben. Er enthält Manuskripte (Reden, Aufsätze, das unvollendete Buchmanuskript „Drei Bücher über Architektur“), ein Bildarchiv, insbesondere aber die Korrespondenz mit den weltweiten Hauptakteuren der Architektur seiner Zeit.

Werkmonografie zu Josef Kaiser (1910-1991)

Josef Kaiser (1910-1991) war einer der wichtigsten Architekten der DDR. Die Dokumente zum architektonischen Werk von Josef Kaiser – Schriftstücke, Skizzen, Pläne – sind auf mehrere öffentliche Archive in Deutschland verteilt. Ein bisher wissenschaftlich nicht erschlossener Teil seines Nachlasses befindet sich im Archiv der Avantgarden (Staatliche Kunstsammlungen Dresden). Diese Dokumente werden gerade inventarisiert, um sie der Wissenschaft zugänglich zu machen.

Ziel des Projektes ist es, eine Werkmonografie zu Josef Kaiser zu erstellen und sein fast sechs Jahrzehnte währendes Schaffen in vier politischen Systemen in einen größeren Kontext einzuordnen. Die Werkmonografie wird eine biografische Übersicht, ein Verzeichnis der Schriften, der Entwürfe und der realisierten Projekte beinhalten. Darüber hinaus wird eine Anzahl von repräsentativen Bauten Kaisers aus den 1930er bis 1990er Jahre architekturgeschichtlich eingeordnet.

Projektlaufzeit:Kooperationspartner:
seit 2018