Verdrängung auf angespannten Wohnungsmärkten

Die Entwicklung der Wohnungsmärkte in Deutschland ist sehr unterschiedlich. Während es in Regionen, die vom demografischen und wirtschaftlichen Wandel besonders betroffen sind, zu deutlichen Bevölkerungsrückgängen, dauerhaften Wohnungsleerständen und erheblichen Wertverlusten bei Wohnimmobilien kommt, wird in prosperierenden Städten vor dem Hintergrund spürbarer Nachfrageüberhänge und steigender Mieten zunehmend über die öffentliche Verantwortung für einen ausgeglichenen Wohnungsmarkt diskutiert.

Ein wichtiger Faktor für diesen Prozess der Re-Urbanisierung – des erhöhten Interesses am Wohnen in der Stadt – sind veränderte Präferenzen in breiten Teilen der Bevölkerung, darunter vor allem bei den jüngeren Berufstätigen. In besonders attraktiven Quartieren kommt es in Folge der Aufwertungen von Wohnungen und Wohnumfeld, die durch diese wachsende Nachfrage angestoßen werden, offenbar zu einer unfreiwilligen, forcierten Abwanderung von Teilen der angestammten Bevölkerung. In der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft wird dieser in innerstädtischen und innenstadtnahen Wohnquartieren beobachtbare Austausch der Bevölkerung durch Zuzügler mit sozioökonomisch höherem Status auch als Gentrifizierung bezeichnet.

In welchem Ausmaß dieser Wandel in der Bevölkerungsstruktur tatsächlich von ökonomisch oder ethnisch basierten Verdrängungsprozessen geprägt ist, wird in der Stadtforschung kontrovers diskutiert. Da es bislang an breiteren empirischen Studien zu derartigen Verdrängungsprozessen mangelt, sind quantitativ fundierte Aussagen kaum möglich. Die statistisch erfassten Wanderungsdaten geben keine Auskunft über die Umzugsgründe und können somit zur Beantwortung der Frage, ob die Umzüge freiwillig oder unfreiwillig erfolgt sind, nicht genutzt werden.

Der Mangel an empirischen Studien besteht vor allem aufgrund des methodisch bedingten Aufwands, der erforderlich ist, um mögliche Verdrängte zu identifizieren und den komplexen Prozess eines Austausches oder Wandels der Bevölkerungsstruktur in einem Quartier so differenziert zu untersuchen, dass daraus belastbare Aussagen gewonnen werden können.

Das Projekt

Die Wüstenrot Stiftung hat gemeinsam mit dem Geographischen Institut der Humboldt­ Universität zu Berlin ein Forschungsprojekt zur wissenschaftlichen Untersuchung von Verdrängungsprozessen in ausgewählten Berliner Quartieren durchgeführt. Berlin ist als Fallbeispiel gut geeignet, weil sich die in deutschen Großstädten auftretenden Entwicklungen hier aktuell in besonderer Schärfe zeigen und weil es in Berlin weiterhin zueinander benachbarte Quartiere gibt, die unterschiedliche Dynamiken zeigen.

Die Publikation

Die Inhalte und Ergebnisse des Projekts fasst die  2019 erschienene und kostenfrei erhältliche Publikation „Verdrängung auf angespannten Wohnungsmärkten. Das Beispiel Berlin“ zusammen.

Projektlaufzeit:seit 2014
Auftragnehmer:Humboldt-Universität zu Berlin, Lehrstuhl Angewandte Geographie/Raumplanung, Prof. Dr. Henning Nuissl, Geographisches Institut, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät